Microsofts gestohlener Master Key: Ein Schrecken ohne Ende?
29.09.2023 | Stellen Sie sich vor, jemand stiehlt Ihren Zentralschlüssel und Sie merken es erst Wochen später. Sie wissen nicht, was gestohlen wurde und auch nicht, welche Informationen die Eindringlinge über Sie in Erfahrung gebracht haben. Sie wissen nur: Jemand war in Ihrem Haus. Was wurde entwendet oder verändert? Was haben die Eindringlinge zurückgelassen? Und: Haben sie sich ein Schlupfloch offengelassen, um zurückkehren zu können?
Was würden Sie tun?
Vermutlich mehr, als Microsoft angesichts der schockierenden Entdeckung unternimmt, dass Unbefugte über einen unbekannten Zeitraum hinweg Zugriff auf einen Master Key hatten. Mithilfe dieses Signaturschlüssels stand den Angreifern das sprichwörtliche Scheunentor zur Microsoft-Cloud sperrangelweit offen. Das Tückische daran: Krypto-Schlüssel lassen sich beliebig oft kopieren, sodass niemand sagen kann, wer letztendlich davon Gebrauch machte.
Wie das passieren konnte und welcher Schaden entstanden ist – darüber schweigt sich der Software-Riese aus. Und die Kunden? Üben sich in Akzeptanz und gehen zum Tagesgeschäft über. Doch warum eigentlich? Und wie können Unternehmen prüfen, ob auch ihre Kundendaten in Azure, Outlook.com und Microsoft 365 kompromittiert wurden?
Was bisher geschah
Es war ein Morgen wie jeder andere, als Mitte Juni Mitarbeiter einer US-amerikanischen Regierungsbehörde ungewöhnliche Zugriffe auf ihre E-Mails registrierten. Eine Sicherheitsanalyse ergab daraufhin, dass Angreifer den Mailservice von Microsoft kompromittiert hatten. Ab da folgte eine Hiobsbotschaft auf die nächste. Den Angreifern war es gelungen, einen Sicherheitsschlüssel von Microsoft zu erbeuten, der es ihnen ermöglichte, gefälschte Zugangstokens für den Outlook-Service zu erstellen.
Die Folgen des Diebstahls? Nicht absehbar und vor allem viel weitreichender als zunächst angenommen. Mittlerweile haben Sicherheitsforscher herausgefunden, dass die Angreifer über einen unbekannten Zeitraum hinweg Zugriff auf große Teile der Microsoft-Cloud hatten. Welche Daten dabei abgeflossen sind und ob sich die Hacker Hintertüren eingebaut haben, ist nach wie vor ungewiss.
Da mithilfe des Master Keys Zugangsberechtigungen für alle Cloud-Dienste von Microsoft erstellt werden können, gehören alle Kunden der Microsoft-Cloud und ihrer Services zum Kreis der potenziell Geschädigten.
Es sind lediglich spärliche Informationen, die Microsoft über den Vorfall preisgibt und die meisten Fragen, die der ganze Vorfall aufwirft, bleiben unbeantwortet.
So viel steht fest: Verantwortlich für den Angriff ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine chinesische Hackertruppe, die von Microsoft den Namen "Storm-0558" erhielt.
"Schuld" an dem Diebstahl war laut Microsoft ein Serverabsturz, der sich bereits zwei Jahre zuvor, im April 2021, ereignete. Im Zuge dieses Absturzes wurde ein sogenannter Crash Dump erstellt, der eigentlich bei der Analyse und Problembehandlung helfen soll. Neben Informationen über den Zustand des Betriebssystems zum Zeitpunkt des Absturzes enthielt dieser Crash Dump jedoch auch den Master Key, um den sich in diesem Fall alles dreht. Leider wurde das von den verantwortlichen Sicherheitssystemen nicht erkannt.
Als dann diese Crash Dump Datei aus dem sicheren Netzwerk in ein unsicheres verschoben wurde, schlugen die Hacker zu. Auch hier versagten Microsofts Sicherheitssysteme, sodass der Vorfall ebenfalls nicht protokolliert wurde.